Indien als neuer Zielmarkt: Chancen, Regeln und aktuelle Entwicklungen

Von freiwilliger BIS-Zertifizierung zu verbindlichen Marktzugangsvoraussetzungen – warum Product Compliance jetzt genauer hinschauen muss


Update 23.02.2026



Indien: Rücknahme der Omnibus-Regelung – was bedeutet das für QCOs und BIS?


Mit der Aufhebung der Machinery and Electrical Equipment Safety (Omnibus Technical Regulation) Order, 2024 durch SO 239(E) entfällt die geplante BIS Scheme X-Zertifizierungspflicht für die dort erfassten Produktgruppen – darunter Maschinen, Anlagen sowie verschiedene elektrische Betriebsmittel wie bestimmte Power Tools.

Damit ist der pauschale Omnibus-Ansatz zunächst gestoppt.

Für die regulatorische Bewertung ist jedoch entscheidend: Ein erheblicher Teil der in den letzten Monaten diskutierten oder vorbereiteten QCO-Entwicklungen stand im Kontext dieser Omnibus-Systematik. Mit deren Rücknahme verändert sich somit die Grundlage für diese regulatorischen Maßnahmen. Das bedeutet jedoch nicht, dass das Instrument der Quality Control Orders verschwindet. Indien nutzt QCOs weiterhin als zentrales Steuerungsinstrument für Produktsicherheit und Marktüberwachung. 

Unverändert gilt außerdem:
Bestehende BIS-Anforderungen nach Scheme I und Scheme II können weiterhin für bestimmte Produkte, Komponenten und Ersatzteile greifen.

Aus Compliance-Sicht ergibt sich damit ein differenziertes Bild:

  • Keine Scheme X-Pflicht im Rahmen der Omnibus-Regelung
  • QCO-System als solches weiterhin aktiv
  • Komponentenbezogene BIS-Pflichten unverändert relevant
  • Regulatorische Entwicklung weiterhin dynamisch

Für Hersteller und Exporteure bedeutet das: Die regulatorische Lage muss neu bewertet werden – nicht vereinfacht.

Indien bleibt ein Markt mit großem Potenzial, aber mit klarer regulatorischer Steuerung. Systematisches Monitoring und präzise Produktklassifizierung bleiben entscheidend für einen sicheren Marktzugang.
 



Artikel erste Version vom 03.02.2026
 



In der Vergangenheit war die BIS-Zertifizierung durch das Bureau of Indian Standards für viele Produktgruppen freiwillig. Technische Konformität wurde zwar empfohlen, stellte aber keine zwingende Voraussetzung für den Marktzugang dar. Diese Situation ändert sich derzeit grundlegend. Indien veröffentlicht zunehmend sogenannte Quality Control Orders, kurz QCOs, und zwar in wachsender Zahl und für immer mehr Produktgruppen.

Was sind Quality Control Orders (QCOs)?

Quality Control Orders sind Gesetzestexte, die von indischen Ministerien erlassen und im Amtsblatt der indischen Regierung, der „Gazette of India“, veröffentlicht werden. Ein QCO legt verbindlich fest, welche Produkte betroffen sind, welche indische Norm, der sogenannte Indian Standard, anzuwenden ist, welches BIS-Zertifizierungsschema gilt und welche zusätzlichen Anforderungen einzuhalten sind. Diese Anforderungen können über reine Produktsicherheit hinausgehen und sich unter anderem auf Ersatzteile, Kennzeichnung, technische Dokumentation oder Aspekte der Marktüberwachung beziehen.

Mit einem QCO wird eine Norm von einem freiwilligen Standard zu einer gesetzlichen Pflicht. Ist ein Produkt von einem QCO erfasst und die Anforderungen nicht erfüllt, darf es weder importiert noch verkauft oder in Indien in Verkehr gebracht werden.

Gute Nachricht für europäische Hersteller

Aus technischer Sicht ist Indien kein Hochrisikomarkt. Die meisten indischen Normen, auf die sich QCOs beziehen, basieren auf internationalen Standards, insbesondere auf IEC-Normen. Inhaltlich sind sie weitgehend deckungsgleich mit den europäischen Anforderungen. Ein weiterer Vorteil ist, dass die indischen Normen frei zugänglich sind. Die entsprechende Datenbank ist unter folgendem Link erreichbar:

https://standardsbis.bsbedge.com/

Für viele CE-konforme EU-Produkte bedeutet das, dass die technischen Anforderungen bereits erfüllt werden.

Warum Technik allein nicht ausreicht

Auch wenn die technische Konformität gegeben ist, bleibt eine zentrale Hürde bestehen: Das BIS-Zertifizierungsverfahren muss vollständig durchlaufen werden. Genau hier entstehen derzeit praktische Risiken. Bestehende Zertifizierungen wie CE-Konformität werden nicht anerkannt. Prüfungen müssen in zugelassenen indischen Laboren durchgeführt werden, und die lokalen Prüfkapazitäten sind begrenzt, insbesondere bei Serienprodukten und Haushaltsgeräten. Ein regulatorischer Flaschenhals ist daher absehbar.

Konkretes Beispiel: Haushaltsgeräte ab März 2026

Ein besonders relevantes QCO betrifft elektrische Haushaltsgeräte. Das Department for Promotion of Industry and Internal Trade hat festgelegt, dass alle elektrischen Geräte für den Haushalts-, gewerblichen oder ähnlichen Einsatz mit einer Nennspannung bis 250 Volt bei einphasigen Geräten beziehungsweise bis 480 Volt bei anderen Geräten, einschließlich Gleichstrom- und batteriebetriebener Geräte, erfasst werden. Anzuwenden ist die Norm IS 302 (Part 1):2024, die inhaltlich der IEC 60335-1:2020 entspricht. Das Inkrafttreten ist für den 19. März 2026 vorgesehen. Damit unterliegen praktisch alle Haushaltsgeräte, die unter IEC 60335-1:2020 fallen, künftig einer verpflichtenden BIS-Zertifizierung.

Fazit für Product Compliance

Technisch stellt Indien für EU-Hersteller in der Regel kein Problem dar. Regulatorisch wird der Markt jedoch deutlich anspruchsvoller. QCOs sind Gesetze und keine unverbindlichen Leitlinien; sie müssen aktiv beobachtet und bewertet werden. Der kritische Faktor ist dabei weniger die Norm selbst als vielmehr die Verfügbarkeit von Prüfkapazitäten, die Dauer der Zertifizierungsverfahren und eine frühzeitige, realistische Projektplanung. Hersteller sind gut beraten, QCOs systematisch zu monitoren und sich frühzeitig Prüf- und Zertifizierungskapazitäten zu sichern, um Verzögerungen beim Marktzugang zu vermeiden.

Weitere Informationen

Eine aktuelle Übersicht über veröffentlichte und angekündigte Quality Control Orders stellt das Bureau of Indian Standards hier zur Verfügung:

https://www.bis.gov.in/upcoming-qcos-notified-and-due-for-implementation/?utm_source=chatgpt.com&lang=en

 

Unterstützung durch Globalnorm

Globalnorm unterstützt Hersteller und Inverkehrbringer bei der Einordnung der regulatorischen Anforderungen für den Marktzugang nach Indien.


Autor

Manfred Böhm
Product Compliance Consultant
 

Veröffentlicht am 03.02.2026
Kategorie: Fokus Automotive, Fokus Industry, Fokus Consumer Goods & Retail, Fokus Electrical and Wireless, Fokus Medical Devices, Insider-Compliance, Compliance

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